Ehrlichkeit
© Juni 2007
bernhardwagner@müllmensch.de
Anlässlich der Klausurtagung der angestellten Mitarbeiter und der
Mitarbeiter im sozialen Engagement (sogenannte "Ehrenamtliche") im
stationären Hospiz des Lazarus-Krankenhauses am 13.06.2007, bei der ich
in der Kleingruppe mit dem Thema "Ehrlichkeit" war. Hier meine Ausarbeitung
des Themas, die etwas über das hinausgeht, was wir dort besprochen haben.
Ehrlichkeit
1. Ehrlichkeit ist eine Tugend
Wenn wir ehrlich miteinander umgehen, wird unsere Kommunikation offener,
tiefer und letztlich auch deutlich effektiver. Ehrlichkeit ist also
wünschenswert.
Ehrlichkeit ist eng verbunden mit anderen Tugenden, wie: Zuverlässigkeit,
Geradlinigkeit, Mut, Treue, ...
Die meisten von uns sind schon als Kinder dazu erzogen worden, dass man nicht
lügen soll. Das Gebot der Ehrlichkeit findet sich schon bei Moses in den zehn
Geboten: "Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen."
(Ex 20,16 + Dtn 5,20). Sprichwörtlich finden wir die Ehrlichkeit z.B. in:
"Ehrlich währt am längsten." und in dem Bild von "der ehrlichen Haut"
(= eine vertrauenswürdige Person)
2. Die drei Ebenen der Lüge
Wenn ich mit einer Wirklichkeit konfrontiert bin, die mich stört und auf die
ich mich nicht einlassen will, dann kann ich auf verschiedene Weise ausweichen:
Lüge der ersten Ebene:
Ich mache den anderen was vor, weiß aber was wirklich los ist.
Lüge der zweiten Ebene:
Ich mache mir was vor, die anderen wissen aber, was Sache ist.
Lüge der dritten Ebene:
Ich verändere die Wirklichkeit und vermeide so, hinzuhören was sie mir
sagen wollte. Natürlich nützt das wenig, weil das Thema mir dann in einer
anderen Gestalt begegnen wird.
Erstes Beispiel:
Ich bin arm und möchte gerne wohlhabend sein.
Lüge der ersten Ebene:
Ich lebe über meine Verhältnisse und mache den anderen vor, ich wäre vermögend.
Lüge der zweiten Ebene:
Ich rede mir ein, wie gut es mir geht und dass die armen Kinder in Afrika so
viel schlechter dran sind, aber die anderen sehen meine neidischen Blicke.
Lüge der dritten Ebene:
Ich horte ganz viel Geld und werde zu einem Reichen, der von seiner Armut
nichts weiß.
Das Thema als Beispiel:
Ich möchte ehrlich sein, bin es aber nicht immer.
Lüge der ersten Ebene:
Ich lüge so geschickt, dass die anderen mich für ein ehrlichen Menschen
halten. Nur ich weiß, dass das nicht so ganz stimmt.
- Und ich bin den anderen gegenüber misstrauisch, denn sie könnten ja auch
geschickte Lügner sein.
Lüge der zweiten Ebene:
Ich halte mich für einen rundherum ehrlichen Menschen, die anderen kriegen
meine Unstimmigkeiten aber ganz gut mit.
- Und die anderen schenken mir nicht das Vertauen, dass ich eigentlich
verdient hätte.
Lüge der dritten Ebene:
Ich lasse keine Lüge mehr über meine Lippen kommen. Kleinlich und
rechthaberisch kämpfe ich für die Wahrheit und weiß nichts davon, dass ich
meine Verlogenheit verdrängt habe.
- Und ich rege mich über jede kleine Lüge der anderen maßlos auf.
3. Lügen verhindern Leben
Wenn ich mich auf meine Wirklichkeit einlassen will, also offen sein will
für meine Wahrheit, dann behindern mich alle Vorurteile, die ich über mich
habe. Auch die Vorstellung, ich sei ein ehrlicher Mensch.
Die Forderung: "Du sollst ehrlich sein!" führt dazu, dass ich mir ein Bild
von mir als ehrlichen Menschen mache, und dass ich mich dann bemühe, diesem
Bild zu entsprechen (mit mehr oder weniger gutem Erfolg).
Das gilt natürlich auch für die anderen Bilder, die ich mir von mir gemacht
habe. Die eigene Wirklichkeit zu entdecken ist mühsam und langwierig, aber
ich muss ja dabei nicht immer unerbittlich hart und wahrheitsliebend sein.
Ich darf mir auch mal in die eigene Tasche lügen. Umwege erhöhen die
Ortskenntnis.
Je mehr ich aber von meiner Wirklichkeit zulasse, um so bunter und lebendiger
werde ich, um so mehr Schattenseiten dürfen wahr sein.
Beim Thema Ehrlichkeit bedeutet das, dass ich mir ehrlich und liebevoll meine
Verlogenheit anschaue.
Allein schon der Wunsch, mir meine Verlogenheit anzuschauen, zeigt mir, dass
ich gerne ehrlich sein will. Wenn ich es nicht bin, gibt es dafür Gründe. Ich
habe Angst vor negativen Konsequenzen wie z.B. Strafen. Ich habe Angst davor,
mein Ansehen zu verlieren. Ich möchte jemandem nicht weh tun. Ich bin zur Zeit
nicht offen für Probleme, die bei mir schon lange unter dem Teppich liegen....
Diese Gründe kann ich mir ansehen, nicht verurteilend sondern liebevoll
annehmend als ein Teil, der zu meiner Wirklichkeit dazugehört. Dann kann
ich mir überlegen, wie viel Ehrlichkeit ich leben kann und wo ich meine Lügen
noch brauche. Dabei möchte ich gut aufpassen, dass ich nicht ehrlicher bin,
als ich es ehrlicherweise sein kann.
Das führt im Umgang mit anderen dazu, dass ich ihnen auch (sehr zu recht)
unterstelle, dass sie grundsätzlich ehrlich sein wollen. Und wenn mich dann
doch einer anlügt, muss ich nicht mit der Haltung: "Du Lügner !" reagieren,
sondern kann ihm mit der Haltung: "Willkommen im Club !" auf gleicher
Augenhöhe begegnen. Seine Lüge vermittelt mir dann die Wahrheit, dass er so
in Not ist, dass er diese Lüge brauchte.
4. Zusammenfassung
Wenn wir die Ehrlichkeit untereinander erhöhen wollen, dann könnten wir damit
anfangen:
- dass wir die Ehrlichkeit weder von anderen noch von uns selber fordern
- dass wir aufhören, die Rolle des ehrlichen Menschen zu spielen, weder
gegenüber anderen noch im Selbstbild
- dass wir unsere Neugier auf die Vielfältigkeit unserer Wirklichkeit nicht
abwürgen
- dass wir nicht nur (behutsam, geduldig und stückweise) unsere
Schattenseiten wahrnehmen, sondern auch ihre Bedürfnisse, Ängste und
Verletzungen liebevoll annehmen als Teil unserer Wirklichkeit
- dass wir unserer Lust auf Lebendigkeit und damit auch unserer Lust auf
Ehrlichkeit (die ja unsere Lebendigkeit ermöglicht) Raum geben, soweit es
unsere Schattenseiten zulassen.
- dass wir die Lust auf Ehrlichkeit jedem Menschen unterstellen, auch wenn
er uns gerade anlügt.