© August 2008
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in der Marta-Gemeinde in Berlin-Kreuzberg
24.08.2008: Predigt Gen 1, 1-10 und Joh 1, 1-5: Gottes Chaos
Die Lesung steht ganz am Anfang der Bibel im 1. Kapitel der Genesis
1 Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde;
2 die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte
über dem Wasser.
3 Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht.
4 Gott sah, dass das Licht gut war. Gott schied das Licht von der Finsternis
5 und Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis nannte er Nacht. Es wurde Abend und
es wurde Morgen: erster Tag.
6 Dann sprach Gott: Ein Gewölbe entstehe mitten im Wasser und scheide Wasser von Wasser.
7 Gott machte also das Gewölbe und schied das Wasser unterhalb des Gewölbes vom Wasser
oberhalb des Gewölbes. So geschah es
8 und Gott nannte das Gewölbe Himmel. Es wurde Abend und es wurde Morgen: zweiter Tag.
9 Dann sprach Gott: Das Wasser unterhalb des Himmels sammle sich an einem Ort, damit
das Trockene sichtbar werde. So geschah es.
10 Das Trockene nannte Gott Land und das angesammelte Wasser nannte er Meer. Gott sah,
dass es gut war.
Das Evangelium steht ebenfalls ganz am Anfang im 1. Kapitel des Johannesevangeliums
1 Im Anfang war das Wort, / und das Wort war bei Gott, / und das Wort war Gott.
2 Im Anfang war es bei Gott.
3 Alles ist durch das Wort geworden / und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.
4 In ihm war das Leben / und das Leben war das Licht der Menschen.
5 Und das Licht leuchtet in der Finsternis / und die Finsternis hat es nicht erfasst.
Liebe Gemeinde
Eigentlich wäre heute das Ende vom 1. Brief an die Thessalonicher dran gewesen, aber mich
haben die Anfänge mehr gereizt. Den allerersten Satz der ganzen Bibel habe ich schon oft
gehört und auch schon oft überhört.
1 Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde;
2 die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist
schwebte über dem Wasser.
Als nächstes wird dann das Licht geschaffen und Licht und Finsternis getrennt.
Dann wird ein Gewölbe geschaffen, das die oberen Wasser von den unteren Wassern trennt.
Damals gab es ein oberes Wasser, was nicht nur erklärte, warum da oben ein ähnliches Blau
zu sehen ist, wie beim Meer, dem unteren Wasser, sondern das erklärte auch sehr plausibel,
wo der Regen herkommt. Dieses Gewölbe, das uns Platz schafft zwischen den oberen und
unteren Wassermassen, nennt Gott Himmel.
Ich finde die Idee faszinierend, Himmel zu definieren als: Himmel ist dort, wo wir Platz
zum Leben haben. Ich lese die Stelle noch mal vor:
6 Dann sprach Gott: Ein Gewölbe entstehe mitten im Wasser und scheide Wasser von Wasser.
7 Gott machte also das Gewölbe und schied das Wasser unterhalb des Gewölbes vom Wasser
oberhalb des Gewölbes. So geschah es
8 und Gott nannte das Gewölbe Himmel. Es wurde Abend und es wurde Morgen: zweiter Tag.
Der Begriff Himmel wird hier ganz anders benutzt als im ersten Satz:
1 Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde;
Im ersten Satz sind Himmel und Erde die beiden Teile der erfahrbaren Wirklichkeit. Gemeint
ist hier: Im Anfang schuf Gott alles was es gibt.
Wenn dann am zweiten Tag der Himmel noch mal geschaffen wird, dann merken wir, dass da zwei
Texte zusammenstehen, die eine unterschiedliche Entstehungsgeschichte haben. Genaugenommen
ist der erste Satz eine komplette Schöpfungsgeschichte und danach fängt die zweite
Schöpfungsgeschichte an. Unmittelbar darauf folgt die dritte Schöpfungsgeschichte, in der
alles mit einer Wüste begann in der es noch nie geregnet hatte. Dort steht:
2,4b Zur Zeit, als Gott, der Herr, Erde und Himmel machte,
5 gab es auf der Erde noch keine Feldsträucher und wuchsen noch keine Feldpflanzen;
denn Gott, der Herr, hatte es auf die Erde noch nicht regnen lassen und es gab noch keinen
Menschen, der den Ackerboden bestellte;
6 aber Feuchtigkeit stieg aus der Erde auf und tränkte die ganze Fläche des
Ackerbodens.
Menschen, die mit kleinen Booten von Insel zu Insel fahren und froh sind, wenn sie wieder
festen Boden unter den Füßen haben, stellen sich den Anfang ganz anders vor, als Menschen
die am Rande einer Wüste leben.
Aber schauen wir uns den ersten Schöpfungsbericht an:
1 Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde;
2 die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist
schwebte über dem Wasser.
Mehr steht da nicht, alles andere gehört ja schon zum zweiten Schöpfungsbericht.
Insbesondere steht da nicht, dass Gott irgend etwas gegen die Finsternis oder gegen das
Wüste und Wirre unternommen hätte.
Da steht nur, das Gott unsere Wirklichkeit so geschaffen hat: wirr, wüst und finster.
Und dass Gottes Geist über unserer Wirklichkeit schwebt.
Ich lebe nicht am Rand einer dürren Wüste und auch nicht am Rand eines bedrohlichen Meeres,
aber das Wirre und Wüste kann ich auch hier in Berlin erleben.
Und das, was scheinbar ordentlich und übersichtlich ist, ist es nur so lange, wie ich den
Tod und die Vergänglichkeit ausklammere. Je genauer ich hinschaue, um so verwirrender wird
meine Realität.
Der Text behauptet nun, dass Gott diese Finsternis geschaffen hat. Das Wüste und Wirre ist
von Gott so gewollt, ist von Gott so gemacht. Und Gottes Geist schwebt darüber. Gott ist
diesem Chaos nahe, er hat es geschaffen und begleitet es.
Johannes sagt das Gleiche, aber mit ganz anderen Worten und Bildern.
1 Im Anfang war das Wort, / und das Wort war bei Gott, / und das Wort war Gott.
Das Wort, auf griechisch „lógos“, erinnert an den zweiten Schöpfungsbericht, wo wiederholt
die Redewendung steht: Gott sprach, es werde dasunddas und es wurde dasunddas.
Bei Johannes ist mit „Wort“ auch das Evangelium gemeint, die frohmachende Botschaft, dass
wir in Gott geborgen sind, dass wir von Gott gewollt sind, dass wir bedingungslos und
maßlos geliebt sind.
Und Johannes meint mit dem Begriff „Wort“ auch denjenigen, der uns diese Zusage gebracht
hat, Jesus Christus.
Und manchmal benutzt Johannes das Wort „Wort“ auch nicht für die Zusage, dass wir in
Gottes Liebe sind und nicht für den Zusager dieser Liebe, Jesus, sondern für das Zugesagte,
also die göttliche Liebe selbst.
Ich lese die Stelle noch mal vor:
1 Im Anfang war das Wort, / und das Wort war bei Gott, / und das Wort war Gott.
2 Im Anfang war es bei Gott.
3 Alles ist durch das Wort geworden / und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.
4 In ihm war das Leben / und das Leben war das Licht der Menschen.
5 Und das Licht leuchtet in der Finsternis / und die Finsternis hat es nicht erfasst.
Beim Schöpfungsbericht von Johannes tauchen auch die Begriffe „Licht“ und „Finsternis“ auf.
Im ersten Schöpfungsbericht erfahren wir, wie Gott die Welt geschaffen hat: Finsternis lag
über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser. Im zweiten Schöpfungsbericht
wird als erstes das Licht erschaffen:
3 Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht.
4 Gott sah, dass das Licht gut war. Gott schied das Licht von der Finsternis
5 und Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis nannte er Nacht. Es wurde Abend
und es wurde Morgen: erster Tag.
Damals störte es niemanden, dass die Sonne erst am vierten Tag geschaffen wurde und am
Himmelsgewölbe befestigt wurde, um die Erde zu beleuchten. Natürlich nur tagsüber.
Wie auch immer das Tageslicht und das Sonnenlicht zusammenhängen mögen, bei Johannes meint
Licht das Leben, das durch Gottes Liebe ermöglicht wird, das Leben, das durch die Zusage
der Liebe Gottes ermöglicht wird, das Leben, dass durch Jesus ermöglicht wird. Finsternis
ist der Gegenbegriff dazu. Also: Von Gottes Liebe nichts gehört haben, das Chaos sehen und
nicht ahnen, dass dieses Chaos liebevoll von einem Liebenden geschaffen wurde und voller
Liebe begleitet wird.
Finsternis meint unsere Sicht auf unsere Wirklichkeit, wenn wir mal von der Zusage absehen.
Finsternis meint unser alltägliches Chaos. Finsternis meint unsere Unfähigkeit, in dem Chaos,
in dem wir leben, Gottes Ordnung zu erkennen. Unser Kopf ist nicht in der Lage, Gottes
Handeln, Gottes Logik, Gottes Pläne zu erfassen. Wenn jemand sagt: In unserer Wirklichkeit
ist kein Gott zu sehen. Alles was man wahrnehmen kann, ist ein großes Chaos, in dem einige
partielle Strudel eine vorübergehende Ordnung ermöglichen. Und solche zufälligen Strudel im
Chaos ermöglichen uns dann das, was wir Leben nennen. Wenn jemand so etwas sagt, dann hat er
ganz richtig erkannt, dass man Gottes Ordnung nicht erkennen kann. Das nennt Johannes
Finsternis. Eine Ordnung, die so vielfältig ist, dass wir sie nicht begreifen können,
erleben wir als Unordnung, als Chaos. Uns bleibt nur die Möglichkeit, darauf zu vertrauen,
dass es eine mächtige Liebe gibt, die alles besser gemacht hat als wir verstehen können,
oder die Möglichkeit, uns mit dem Chaos zu arrangieren und die zufälligen Spiralen der
erkennbaren Ordnung zu nutzen, bevor sie sich wieder auflösen. Beide Möglichkeiten sind
rational vertretbar und nicht widerlegbar. Johannes beschreibt das so:
3 Alles ist durch das Wort geworden / und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.
4 In ihm war das Leben / und das Leben war das Licht der Menschen.
5 Und das Licht leuchtet in der Finsternis / und die Finsternis hat es nicht erfasst.
Trotz unserer Finsternis, unsere Unfähigkeit Gottes Ordnung zu begreifen, versuchen wir es
aber immer wieder, eine Ordnung zu entdecken. Und oft reden wir uns ein, wir hätten eine
Ordnung entdeckt. In Wirklichkeit haben wir bloß eine Ordnung erfunden.
Das lässt sich schön an dem zweiten Schöpfungsbericht zeigen.
Was macht Gott als erstes? Er räumt auf:
Gott schied das Licht von der Finsternis
und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht.
Gott schied das Wasser unterhalb des Gewölbes vom Wasser oberhalb des Gewölbes und nannte
das Gewölbe Himmel.
Dann sprach Gott: Das Wasser unterhalb des Himmels sammle sich an einem Ort, damit das
Trockene sichtbar werde. Das Trockene nannte Gott Land und das angesammelte Wasser nannte
er Meer.
Gott schafft in diesem Bericht eine Ordnung, die wir verstehen können. Die dem Denken der
damaligen Menschen entsprach und die wir heute anders sehen würden.
Wenn das Buch Genesis mit drei sehr widersprüchlichen Schöpfungsberichten anfängt, dann
wird klar, dass es hier nicht um eine endgültige Beschreibung der Ordnung dieser Welt geht,
sondern um die Unfähigkeit von uns Menschen, diese Ordnung zu beschreiben. In einem sind
sich aber alle drei Schöpfungsberichte einig: Gott ist der Schöpfer, er hat alles so
gemacht, wie er es für gut findet.
Das bedeutet für uns: Wir können Ordnungen erfinden, wie wir Lust haben. Wir brauchen nicht
darauf beharren, das unsere Ordnung die Wirklichkeit widerspiegelt. Wir können mit
verschiedenen Ordnungen spielen und uns immer wieder neue Ordnungen ausdenken. Unsere
Ordnungen sind vielleicht mehr oder weniger nützlich aber bestimmt nicht richtig. Die
Sehnsucht nach einer verstehbaren Ordnung können wir gut nachvollziehen, ja wir finden
diese Sehnsucht auch an vielen Stellen in der Bibel und auch in der Art, wie Christen
miteinander umgehen. Selbst diese Predigt ist ein Versuch Ordnung zu schaffen. Und doch
wissen wir um die Gefahren solcher Ordnungen, die sich nie an der Wirklichkeit orientieren,
sondern an dem Fassungsvermögen unseres Gehirns.
Wir wissen von dem Leid, das entsteht, wenn Menschen ausgegrenzt werden, die eine
vorgegebene Ordnung nicht teilen wollen.
Wir wissen von den Versuchen der Mächtigen, eine verbindliche Ordnung durchzudrücken.
Wir wissen von der Not, wenn wir versuchen, eine uns überfordernde Ordnung aufrecht zu
erhalten.
Wir wissen um die Trauer, wenn eine vertraute Ordnung zerbricht.
Wir erleben, dass Menschen Zeit, Geld und Gesundheit opfern, nur um eine Ordnung aufrecht
zu erhalten.
Dass im Namen der Ordnung sogar Menschen geopfert werden können.
Dass wir unsere Beziehungen zu anderen Menschen sehr stark von gemeinsamen
Ordnungsvorstellungen abhängig machen.
Und dass bezeichnender Weise auf unseren Friedhöfen besonders viel Ordnung herrscht.
All das ist Finsternis. Und diese Finsternis ist von Gott so geschaffen wie sie ist:
wüst und wirr. Und Gottes Geist schwebt darüber.
Oder anders gesagt:
Alles, auch die Finsternis, ist durch das Wort geworden. Und das Licht leuchtet in
der Finsternis auch wenn die Finsternis es nicht erfasst. Das Wort ist unser Licht
und ermöglicht uns mitten in der Finsternis ein Leben jenseits aller verstehbaren
Ordnungen.
Amen