© Oktober 2007
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in der Marta-Gemeinde in Berlin-Kreuzberg
28.10.2007: Predigt Joh 15, 9-12
Die Lesung steht bei Matthäus im 5. Kapitel: (Mt 5, 38-48)
38 Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn.
39 Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen
Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt
ihm auch die andere hin.
40 Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen,
dann lass ihm auch den Mantel.
41 Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh
zwei mit ihm.
42 Wer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den weise nicht ab.
43 Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben
und deinen Feind hassen.
44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen,
45 damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne
aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.
46 Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr
dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner?
47 Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das
nicht auch die Heiden?
48 Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist.
Das Evangelium ist zugleich der Predigttext und steht bei Johannes im 15. Kapitel:
(Joh 15, 9-12)
9 Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in
meiner Liebe!
10 Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie
ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe.
11 Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure
Freude vollkommen wird.
12 Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.
Liebe Gemeinde
Der für den heutigen Sonntag vorgesehene Predigttext ist einer der vielen Stellen,
wo Jesus sehr deutlich sagt, worum es ihm geht.
Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt, sagt Jesus.
Und weil wir geliebt sind, können auch wir es uns leisten zu lieben.
Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude
vollkommen wird, sagt Jesus. Seine Freude, dass er in der Liebe des Vaters ist,
ist ansteckend. Jesus hat sie uns weitergegeben, indem er uns von der maßlosen Liebe
des Vaters erzählt. Im Vertrauen auf seine Überzeugung wird unsere Freude vollkommen.
Wir hören uns das jetzt an, dass wir maßlos und bedingungslos geliebt werden, dass
unsere Freude vollkommen ist, und dass wir einander lieben. Und wir freuen uns darüber
und atmen auf.
Und dann gehen wir wieder aus diesem Kirchengebäude raus in eine Welt, in der ganz
andere Regeln herrschen.
Johannes bringt diesen Text kurz bevor Jesus verhaftet und hingerichtet wird. Die
Provokation, die in dieser „vollkommenen Freude“ steckt, muss er schon damals
gespürt haben.
Ich möchte ein bisschen ausholen um zu zeigen, dass Jesus mit seiner Provokation
sehr in unsere heutige Zeit passt. Seine Forderung, umzudenken und unsere Wirklichkeit
mit neuen Augen zu betrachten, ist überraschend aktuell.
Die Physik war Vorreiter in der Entwicklung des materalistisch-mechanischem Weltbildes,
das von Europa aus inzwischen auf dem ganzen Globus favorisiert wird. In diesem
klassischen Weltbild nach Descartes und Newton läuft alles nach strengen Gesetzen ab,
wie bei einem Uhrwerk.
Das Geschehen ist überschaubar, messbar und ermöglicht uns, als Macher handelnd
einzugreifen. Die Wirklichkeit wird zu einer kausal geschlossenen materiellen Welt.
Die wissenschaftlich-technischen Erfolge legitimieren dieses Weltbild. Ja selbst
Wissenschaften wie zum Beispiel die Psychologie oder die Pädagogik versuchen, das
materialistisch-mechanische Weltbild zu kopieren und fangen an zu messen und mechanische
Zusammenhänge zu suchen. Ein schönes Beispiel für solchen Unfug sind Intelligenztests
und Schulnoten.
Der Witz dabei ist, dass die Physiker mit dem materialistisch-mechanischem Weltbild nicht
mehr weiterkommen und es aufgegeben haben.
Seit Werner Heisenberg, Nils Bohr, Max Born und Wolfgang Pauli wissen wir, dass Materie
im Grunde genommen gar nicht Materie ist, sondern ein Beziehungsgefüge, eine Art Gestalt
oder in gewisser Weise trägerlose „Information“.
Die Vorstellung, dass unsere Welt aus Substanz, aus Materie besteht, die dann in
Wechselwirkung zueinander tritt, wird abgelöst von der Vorstellung eines immateriellen
Beziehungsgefüges, das zeitlich offen ist und kreativ, man könnte auch sagen: prä-lebendig.
Wer das genauer wissen will: Ich habe darüber einiges in der Potsdamer Denkschrift 2005
gefunden. Und man kann auch zum Thema „Quantenfeldtheorie“ suchen
Mir ist hier nur wichtig, dass wir eine neue Sicht, ein neues Denken brauchen, in dem der
Mensch nicht der Macher ist, der die Dinge im Griff haben will, sondern selber Teil einer
Wirklichkeit ist, die aus einem Tanz besteht, den wir noch gar nicht richtig begriffen haben.
Dass das Umdenken notwendig ist, das gilt auch für unser Wirtschaftssystem.
Krankenhäuser sind nicht mehr hauptsächlich dafür da, dass kranke Menschen Unterstützung
bekommen beim Gesundwerden, sondern dafür, dass Kapital gewinnbringend angelegt werden kann.
Alte Menschen werden in Heimen körperlich versorgt, aber menschlich im Stich gelassen, weil
uns das dafür nötige Geld zu schade ist.
Jeder von uns kennt Beispiele, wo Menschen Unterstützung bräuchten und sie nicht bekommen.
Und trotzdem reden wir uns ein, dass es zu solch einem System keine Alternative gäbe.
Jesus bietet eine Alternative. Die hört sich fromm an, ist aber politisch. Wenn wir aufhören,
unser Schäfchen ins Trockene zu bringen, uns Sicherheiten zu verschaffen, uns Privilegien zu
ergattern, dann werden wir zu einem Störfaktor. Vom systemkonformen Denken her, handeln wir
dann unberechenbar.
Das hat Pilatus damals auch schon so gesehen.
Jesus sagt uns, dass wir zumindest schon mal kleine Schritte ins Umdenken wagen können. Schon
mal hier oder da überraschend anders handeln können.
Weil wir ja in Gottes Liebe geborgen sind, auch dann, wenn dabei mal was schief geht.
Und wenn einer von uns Gottes Liebe zwar glaubt aber nicht spürt? Hat Jesus nicht alle anderen,
die hier sitzen, aufgefordert, dich zu lieben, dir liebevoll zu begegnen, auch und gerade wenn
du in Not gerätst ? Das ist mein Gebot, sagt Jesus: Liebt einander, so wie ich euch
geliebt habe.
Und: Wir haben Jesus Zusage:
Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Dies habe ich euch gesagt,
damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird.
Ich wünsche jedem Einzelnen von euch und uns allen zusammen, dass uns diese vollkommene Freude
auch im Alltag immer mal wieder zublinzelt.
Amen