© September 2007 bernhardwagner@müllmensch.de   in der Marta-Gemeinde in Berlin-Kreuzberg

23.09.2007: Predigt Mk 11, 15-19

Die Lesung steht bei Johannes im 8. Kapitel: (Joh 8, 31-32)

31   Der Jude Jesus sagte zu den anderen jüdischen Menschen, die ihm vertrauten: "Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wahrhaftig meine Jüngerinnen und Jünger,   32   und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen."

Das Evangelium ist zugleich der Predigttext und steht bei Markus im 11. Kapitel: (Mk 11, 15-19)

15   Dann kamen sie nach Jerusalem. Jesus ging in den Tempel und begann, die Händler und Käufer aus dem Tempel hinauszutreiben; er stieß die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenhändler um   16   und ließ nicht zu, dass jemand irgendetwas durch den Tempelbezirk trug.   17   Er belehrte sie und sagte: Heißt es nicht in der Schrift: Mein Haus soll ein Haus des Gebetes für alle Völker sein? Ihr aber habt daraus eine Räuberhöhle gemacht.   18   Die Hohenpriester und die Schriftgelehrten hörten davon und suchten nach einer Möglichkeit, ihn umzubringen. Denn sie fürchteten ihn, weil alle Leute von seiner Lehre sehr beeindruckt waren.   19   Als es Abend wurde, verließ Jesus mit seinen Jüngerinnen und Jüngern die Stadt.

Liebe Gemeinde

Vorgestern, am 21. September, war Internationaler Gebetstag für den Frieden. Der Ökumenische Rat der Kirchen hat den Tag in diesem Jahr unter das Motto gestellt: "Mach mich zum Werkzeug deines Friedens"

Ich möchte mich diesem Thema auf eine etwas unübliche Weise nähern, und habe uns ein Evangeliumstext ausgesucht, wo Jesus alles andere als friedlich auftritt. Vielleicht gelingt es uns, gerade von dem unfriedlichen Jesus etwas über seinen Frieden zu erfahren.

Jesus geht in den Tempel, und er zitiert aus seiner Bibel, also unserem Alten Testament: Mein Haus soll ein Haus des Gebetes für alle Völker sein

Ein Haus des Gebetes für alle Völker, dass hört sich sehr friedlich an und der Gedanke der Völkerverständigung ist sehr deutlich zu hören.

Und weil das Jesus so wichtig ist, macht er Terror:
Er schmeißt die Verkaufsstände um, lässt Waren und Geld auf den Fußboden fallen und vertreibt die Verkäufer samt ihren Kunden und allen, die noch was retten wollen.
Damals kamen nicht gleich die Ordnungshüter mit Blaulicht angeeilt, aber der Plan reifte, ihn von den Römern umbringen zu lassen.

Wo kämen wir schließlich hin, wenn jeder sich so verhalten würde.

Jesus ist der Tempel als internationaler Platz des friedlichen Betens wichtig, und er reagiert mit Zerstörung. Daraufhin reagieren die, die die friedliche Ordnung des Bestehenden bewahren wollen, mit Mordplänen.

Die gegenseitigen Friedensbemühungen führen hier zu Zerstörung und Mord und machen uns erst einmal nicht viel Mut, den Frieden zu suchen.

Mir ist bei der Geschichte wichtig, dass das nicht auf irgendeinem Marktplatz oder in irgendeiner Kaufhalle geschehen ist, sondern im Tempel. Es geht hier also nicht um Konsumgüter, sondern um Überzeugungen.

Den Markt der Überzeugungen, den Markt der Weltanschauungen, den kennen wir auch bei uns. Bunt und laut mit uralten und überraschend neuen Bildern.

Ich möchte dieses Bild vom Markt der Weltanschauungen ausbauen:

Wir gehen da durch, wie bei Aldi und schmeißen dies und jenes in unseren Einkaufswagen. Jeder hat sich eine andere Mischung zusammengesucht und manchmal schauen wir in den Einkaufswagen der anderen und wundern uns wie verschieden die Geschmäcker so sind. Mit einigen reden wir auch über unsere Auswahl. Das kann dazu führen, dass wir das eine oder andere Stück noch dazu nehmen oder auch dies und jenes wieder weglegen. Findet sich eine Gruppe zusammen, die gemeinsam durch den Laden geht, dann werden sich die Einkaufswagen dieser Gruppe mit der Zeit immer ähnlicher.

Das kann dazu führen, dass die Leute in solcher Gruppe sich einreden, dass sie die beste oder sogar die einzig richtige Auswahl getroffen haben. Dann ist der Gedanke nicht mehr weit, dass man die anderen von ihrem Irrtum befeien möchte. Die Gruppe wählt dann aus ihrer Mitte ein paar Marktschreier aus, die dann die anderen zu der richtigen Auswahl bekehren sollen.

Es gibt auch Marktschreier, die die Auswahl ihrer Gruppe für den christlichen Glauben halten.

Und natürlich kommt es, wie nicht anders zu erwarten war, dass es auch zwischen den christlichen Marktschreiern reichlich große Unterschiede gibt, was denn bei der richtige Auswahl dazugehört und was nicht.

Was zumindest schon mal ein Hinweis darauf ist, dass da was nicht stimmen kann.

Dabei berufen sich alle christlichen Marktschreier auf ihren berühmten Kollegen, den Marktschreier Jesus.

Aber war Jesus wirklich ein Marktschreier, im Sinne dieses Bildes ?

Ein paar Gemeinsamkeiten mit den Marktschreiern hat Jesus schon:
Er ist wie sie der Meinung, dass es eine wichtige Frage ist, was ich mir im Markt der Weltanschauungen in den Einkaufswagen lege. Dass es also keineswegs beliebig ist, worauf ich mein Vertrauen setze, worin sich meine Hoffnung gründet.

Aber er gibt uns keine Auswahl vor. Stattdessen macht er uns fit, die Werbung zu entlarven, die Marktschreier zu überhören und alles aus dem Einkaufswagen rauszuschmeißen, was uns nicht gut tut.

Sehen wir uns doch einmal an, was bei Jesus im Einkaufswagen drin ist.
Da finden wir ganz zentral die Überzeugung, dass jeder Mensch geliebt und geborgen ist, ganz egal was er in seinem Einkaufswagen hat.
Solche Überzeugung wirft natürlich viele Fragen auf. Also finden wir in seinem Einkaufswagen auch noch viele Erklärungen zu den aufgeworfenen Fragen.
Aber Jesus hat nichts in seinem Einkaufswagen, was zu seiner zentralen Überzeugung noch dazu käme. Alles andere entwickelt sich aus seiner Überzeugung, dass wir in jedem Fall gesichert, gerettet, geliebt, geborgen sind.

Mehr noch, Jesus traut uns zu, dass wir das, was sich aus dieser Überzeugung entwickelt, auch selber entwickeln können. Und wir können auch selber erkennen, was nicht dazu gehört, was gar nicht dazu gehören kann.

Alles was Unvernünftig ist, kann also rausfliegen.

Die Wahrheit von Jesus Überzeugung kann nicht mit dem Verstand bewiesen werden. Aber der Verstand kann selber erkennen, dass diese Überzeugung nicht empirisch beweisbar sein kann. Auch wenn die Vernunft den Glauben nicht vollständig erfassen kann, sie erkennt aber selber ihre Grenzen und braucht nicht abgestellt zu werden. Alles was wir nur in unseren Einkaufswagen kriegen, wenn wir mal kurz die Vernunft abschalten, das können wir unbekümmert rausschmeißen, und wenn es noch so christlich zu sein scheint.

Und natürlich gehört nichts von dem in den Einkaufswagen, was man empirisch beweisen könnte. Glauben kann man nur, was man nur glauben kann.

Es gibt viele Fragen, die zwar grundsätzlich überprüfbar geklärt werden könnten, aber wir wissen nicht genug, um sie zu beantworten. Kinder fragen gerne solche Fragen, auf die wir keine Antwort wissen. Aber da wir ja nach Jesus Überzeugung auch mit unserer Unwissenheit geliebt werden, können wir es uns leisten, auch zu unserer Unwissenheit zu stehen und brauchen uns nicht hinter frommen Märchen zu verstecken.

Alle Aussagen, die empirisch überprüfbar sind oder waren oder gewesen wären, brauchen wir nicht mehr in unserem Einkaufswagen mitzuschleppen.

Jesus bietet uns auch kein weltanschauliches Sammelsurium an, wie es die Marktschreier tun. Er ist davon überzeugt, dass jeder Versuch seine Haut zu retten, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen, sich abzusichern - und deswegen sind wir doch in den Markt der Weltanschauungen gegangen - vergeblich und unnötig ist. Jesus will nicht ein neues Produkt einführen, sondern den Markt überflüssig machen. Seine Weltanschauung schafft die Notwendigkeit ab, die richtige Weltanschauung haben zu müssen. Weil wir ja sowieso gesichert sind.

Alles was sich nicht aus Jesus Überzeugung, dass wir geliebt sind, ableiten lässt, kann also ebenfalls rausfliegen.
Jesus will uns ja gerade kein Sammelsurium verkaufen, auch kein ganz frommes. Entweder wir können erkennen, dass etwas ein Aspekt, eine Facette seiner Überzeugung ist, oder wir können es unbekümmert rauswerfen.

Wenn wir auf diese Weise unseren Einkaufswagen mächtig entrümpelt haben, können wir noch mal das Übriggebliebene durchforsten. Gibt es in unserem Einkaufswagen noch irgend etwas, was nicht zu Jesus Überzeugung passt ?

Dazu können wir das Motto benutzen: "Die Wahrheit wird euch frei machen"
Alles was uns unfrei macht, was uns bedrückt, ängstigt, beklommen macht, ist nicht aus der Wahrheit. Das müssen wir irgendwie falsch verstanden haben. Also fliegt es auch noch raus. Schließlich heißt "Evangelium" übersetzt: "frohmachende Botschaft". Ein nicht-frohmachendes Evangelium ist ein Unding in sich.

Kann sein, dass unser Einkaufswagen jetzt sehr übersichtlich geworden ist. Vielleicht ist mehr rausgeflogen als unbedingt nötig, aber das macht ja nichts, weil sich alles wieder neu aus Jesus Überzeugung entwickeln lässt.

Kann sein, dass die verschiedenen Aspekte bei anderen Christen anders entwickelt sind. Aber wir sollten eigentlich in der Lage sein, zu erkennen, dass es nur Ausführungen der gleichen Überzeugung sind. Ganz im Gegensatz zu dem genau festgelegten frommen Sammelsurium, das die Marktschreier anbieten.

Das geht noch verdrehter: Wir können manchmal bei Nicht-Christen was finden, was sich als Aspekt von Jesus Überzeugung entpuppt, was uns hilft, Jesus Überzeugung in unvertrauten Bildern zu begegnen.

Ja selbst bei den christlichen Marktschreiern können wir mitten im Gerümpel Aspekte von Jesus Überzeugung finden. Die können wir dann übernehmen, nicht weil sie so fromm sind sondern obwohl sie so fromm zu sein scheinen.

Das führt zu reichlich vielen Verwicklungen und Verwechslungen.

Für uns ist das Neue Testament eine Sammlung von Texten, in denen die ersten Freunde von Jesus versuchen, sich untereinander einige Aspekte der Überzeugung Jesu zu erläutern. Wir sehen darin also eine Anleitung, darauf zu vertrauen, dass wir abgesichert, geliebt und geborgen sind.

Für die christlichen Marktschreier ist das gleiche Buch ein großer Sack, in dem viele schwerverdauliche Glaubensgeheimnisse gelagert sind, die man alle gewissenhaft berücksichtigen muss, um sich ein Platz im Himmel zu erarbeiten. Sie sehen darin also eine Anleitung, wie sie sich absichern können.
Der Witz dabei ist, dass sie nach Jesus Überzeugung wirklich abgesichert sind, obwohl sie sich vergeblich darum bemühen, sich abzusichern.

Wenn wir, mit Jesus Hilfe, das Sicherheitsgeschäft Gott überlassen, dann geraten wir mit allen aneinander, die uns ihre Sicherheit verkaufen wollen. Jesus bringt uns Frieden mit Gott und er hilft uns, zumindest etwas friedlicher mit uns selbst umzugehen. Den Frieden mit anderen, den Frieden auf Erden, den bringt er uns nicht. Den hat er schon damals mit seinen Mitmenschen nicht hinbekommen.

Aber er gibt uns eine Grundlage, dass wir an dem Frieden mit anderen arbeiten können. Dass wir in dem anderen jemanden sehen können, den Gott liebt, auch wenn der unseren Frieden verhindert, weil er für seine Sicherheit kämpft.

Jesus bringt uns keinen Frieden.
Jesus macht keinen Frieden.
Aber er macht uns fit, Frieden anzuzetteln.

Amen