© Sebtember 2006 bernhardwagner@müllmensch.de   in der Marta-Gemeinde in Berlin-Kreuzberg

10.09.2006: Predigt Mt 6,1-4

Die Lesung steht im ersten Johannesbrief: (1 Joh 4, 7 - 12)

7   Liebe Brüder [und Schwestern], wir wollen einander lieben; denn die Liebe ist aus Gott, und jeder, der liebt, stammt von Gott und erkennt Gott.   8   Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist Liebe.   9   Die Liebe Gottes wurde unter uns dadurch offenbar, dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben.   10   Die Liebe besteht nicht darin, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat. 11 Liebe Brüder [und Schwestern], wenn Gott uns so geliebt hat, müssen auch wir einander lieben. 12 Niemand hat Gott je geschaut; aber wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollendet.

Das Evangelium steht bei Lukas 10: (Lk 10, 25 - 37)

25   Da stand ein Gesetzeslehrer auf, und um Jesus eine Falle zu stellen, fragte er: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erlangen?   26   Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz? Was liest du dort?   27   Er antwortete: Du sollst den Herren, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und deinem ganzen Denken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst.   28   Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach, und du wirst leben.   29   Der Gesetzeslehrer wollte seine Frage rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster?   30   Jesus antwortete: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halbtot liegen.   31   Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging weiter.   32   Auch ein Levit kam zu der Stelle; er sah ihn und ging weiter.   33   Schließlich kam ein Mann aus Samarien, der auf der Reise war; als er ihn sah, hatte er Mitleid.   34   Er ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und pflegte ihn.   35   Am anderen Tag holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn verbrauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.
36   Was meinst du: Wer von diesen dreien hat den Mann, der von den Räubern überfallen wurde, wie seinen Nächsten behandelt?   37   Der Gesetzeslehrer antwortete: Der, der barmherzig war und ihm geholfen hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso!

Der Predigttext steht bei Matthäus 6: (Mt 6, 1 - 4)

1   Hütet euch, euere Gerechtigkeit vor den Menschen zur Schau zu stellen; sonst habt ihr keinen Lohn von eurem Vater im Himmel zu erwarten.   2   Wenn du Almosen gibst, lass es also nicht vor dir herposaunen, wie es die Heuchler in den Synagogen und auf den Gassen tun, um von den Leuten gelobt zu werden. Amen ich sage euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten.   3   Wenn du Almosen gibst, soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut.   4   Dein Almosen soll verborgen bleiben und dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.

Liebe Gemeinde

Wir haben alle drei Texte gehört. Das sind auch die empfohlenen Texte. Das heißt: alle Gemeinden, die sich heute an diese Ordnung halten, haben diese Texte gehört.

Eigentlich ist mir so viel Text zu viel. Gerade in der evangelischen Tradition ist ja die Gefahr, zu textlastig zu sein.
Aber heute möchte ich euch doch alle drei Texte zumuten, und zwar einfach deshalb, weil sie sich gegenseitig widersprechen.

In dem einen Text soll man seine guten Werke heimlich tun, damit man von Gott besser entlohnt wird. In dem zweiten Text hilft jemand einem Überfallenen keineswegs heimlich und auch nicht, um entlohnt zu werden, sondern um das Gebot zu erfüllen.

Im dritten Text steht die grenzenlose und maßlose Liebe Gottes im Vordergrund. Dort handelt man weder, um belohnt zu werden, noch um das Gesetz zu erfüllen, sondern weil man als Geliebter gar nichts anderes will, als diese Liebe weiter zu geben.

Mir geht es nicht darum, welcher Text nun Recht hat und welche Texte folgerichtig falsch sein müssen. Mir geht es um die Struktur dieses Widerspruchs.

An einem einfacheren Beispiel ist diese Struktur leichter zu erkennen:

Da gibt es den alttestamentlichen Spruch: Auge um Auge und Zahn um Zahn. Gleiches soll mit Gleichem vergolten werden, Unrecht soll gerächt werden.

Da gibt es den Spruch: Mein ist die Rache, spricht der Herr. Unrecht wird zwar gerächt, aber nicht von uns Menschen.

Und dann gibt es noch den Spruch von Jesus: Liebe deine Feinde. Unrecht wird mit Liebe vergolten.

Wenn man einen Wegweiser, der wahrheitsgemäß den Weg weist, ausbuddelt und ganz woanders wieder aufstellt, dann kann es sein, dass der Wegweiser zur Lüge wird, obwohl er doch immer noch der alte Wegweiser ist.

So ist es auch mit den Bibelstellen, die in einer bestimmten Situation entstanden sind, und dort den richtigen Weg weisen.
Manche nehmen diese Bibelstellen aus ihrer Umgebung heraus, stellen sie in einer heutigen Situation auf und halten das, was dabei herauskommt, auch noch für den Willen Gottes.

In einer Situation, wo Menschen in Blutrache leben, wo die Ehre verletzt ist, wenn nicht jedes Unrecht vielfach gerächt wird, wo sich ganze Dörfer gegenseitig ausrotten um sich nicht schämen zu müssen, da ist ein Aufruf zur Mäßigung, Auge um Auge, Zahn um Zahn, ein Wegweiser in die richtige Richtung.

Wenn die Menschen diesen Weg gehen, und jedes Unrecht nur maßvoll gerächt wird, dann steht da wieder ein Wegweiser: Mein ist dir Rache, spricht der Herr.
Wir sollen es Gott überlassen, für Gerechtigkeit zu sorgen. Das heißt auch: Wir halten es aus, wenn es noch nicht so gerecht ist und müssen da nicht nachbessern. Wir können das Rächen und Strafen Gott überlassen.

Wenn wir so weit sind, dann finden wir den nächsten Wegweiser: Liebe deine Feinde

Alle drei Wegweiser weisen in die gleiche Richtung. Aber wenn man sie aus ihrem Kontext reißt, werden sie falsch. Mein ist die Rache informiert uns nicht darüber, dass Gott ein Rache-Gott ist. Und Auge um Auge ruft nicht zur Rache in Gottes Namen auf.

In einer Situation, in der fromme Männer darum eifern, besonders gottgefällig zu leben, in der die Pharisäer peinlich genau eine Vielzahl von Geboten eingehalten haben, und wo die Jünger darum konkurrierten, wer denn der bessere Jünger ist, da finden sie als Wegweiser: Die linke Hand soll nicht wissen, was die rechte tut. Wenn du unbedingt punkten willst, dann punkte nicht bei den anderen, sondern bei Gott.

Der gleiche Jesus gibt in einer anderen Situation eine ganz andere Antwort. Da fragen ihn Menschen, für die sowieso klar ist, dass sie bei Gott punkten wollen, worum es Gott geht, wie erfülle ich sein Gesetz, was will Gott, das ich tue.
Und Jesus reduziert all die vielen Vorschriften und Gesetze einschließlich der zehn Gebote auf ihren Kern, auf ihre Zielrichtung: Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst.
Auch auf die Frage: Wer ist denn mein Nächster, liefert Jesus nicht irgendwelche Definitionen, sondern sagt: Schau dich um, frage dein Herz. Du weißt selbst, wer dein Nächster ist.

Die, die sich auf diesen Wegweiser einlassen, für die ist der Johannesbrief gedacht. Wir lieben den Nächsten nicht, um bei Gott zu punkten. Wozu auch? Wenn wir bei Gott ein Punkte-Konto hätten, wäre das längst übergelaufen.
Gott liebt uns nicht, wie wir es verdienen, sondern maßlos. Wenn wir den Nächsten lieben, dann aus Freude, dass wir so unverdient geliebt werden und vielleicht auch aus Sorge, dass wir platzen könnten, wenn wir nicht ein bisschen von der Liebe weitergeben.

Amen