© Januar 2005 bernhardwagner@müllmensch.de   in der Marta-Gemeinde in Berlin-Kreuzberg

30.01.2005: Predigt Mk 4,26-29

Die Lesung steht bei Lukas 8: (Lk 8, 4 - 8)
Das Gleichnis vom Sämann

4   Als die Leute aus allen Städten zusammenströmten und sich viele Menschen um ihn versammelten, erzählte er ihnen dieses Gleichnis:   5   Ein Sämann ging aufs Feld, um seinen Samen auszusäen. Als er säte, fiel ein Teil der Körner auf den Weg; sie wurden zertreten und die Vögel des Himmels fraßen sie.   6   Ein anderer Teil fiel auf Felsen, und als die Saat aufging, verdorrte sie, weil es ihr an Feuchtigkeit fehlte.   7   Wieder ein anderer Teil fiel mitten in die Dornen und die Dornen wuchsen zusammen mit der Saat hoch und erstickten sie.   8   Ein anderer Teil schließlich fiel auf guten Boden, ging auf und brachte hundertfach Frucht. Als Jesus das gesagt hatte, rief er: Wer Ohren hat zum Hören, der höre!

Das Evangelium ist zugleich der Predigttext und steht bei Markus 4: (Mk 4, 26 - 29)
Das Gleichnis vom Wachsen der Saat

26   Er sagte: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät;   27   dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst und der Mann weiß nicht, wie.   28   Die Erde bringt von selbst ihre Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn in der Ähre.   29   Sobald aber die Frucht reif ist, legt er die Sichel an; denn die Zeit der Ernte ist da.



Liebe Gemeinde

Das Gleichnis vom Wachsen der Saat ist nicht so bekannt wie das ähnliche Gleichnis von der Saat, die auf unterschiedliche Böden fällt. Möglicherweise liegt das gerade daran, das dieses Gleichnis ebenso kurz wie radikal ist.

Ich möchte auf drei Ebenen über dieses Gleichnis sprechen.

Als erstes die Bild-Ebene: Da ist ein Mann, der einen Acker hat, also ein Bauer. Und dieser Bauer sät Getreide auf seinem Acker. Und was dann passiert, das passiert ohne den Bauern. Der wird erst wieder bei der Ernte tätig.
Das aus den Getreidekörnern kleine Getreidepflanzen werden, die dann einen langen Halm bekommen an denen dann viele neue Getreidekörner reifen, das kann der Bauer nicht machen. Das Lebendige ist nicht machbar, ist nicht verfügbar.

Jesus hat seinen damaligen Zuhörern mit diesem Bild nichts Neues gesagt. Er wollte mit diesem Bild ja auch bei Vertrautem anknüpfen um dann das Bekannte, Vertraute auf das Reich Gottes zu übertragen. Für uns ist aber schon dieses Bild provokativ.
Das etwas nicht verfügbar ist, nicht machbar ist, sich unserem Zugriff entzieht, das können wir schlecht aushalten. Und uns fallen immer neue Ideen ein, wie wir das Lebendige wenigstens ein bisschen in den Griff kriegen können: Der Boden wird durch chemische Zusätze umgewandelt, Regen wird durch künstliche Bewässerung ersetzt, schädliche Käfer werden vergiftet. Aber das geht auch noch weiter: Die Samen werden genetisch verändert und wenn man das Leben auch nicht erfinden kann, so wollen manche es sich doch patentieren lassen.
Das Bild, das Jesus benutzt, macht klar: das Lebendige auf dieser Erde ist ein Geschenk. Wir können keine Getreidepflanze machen. Wir können nur dankbar annehmen, dass aus den ausgesäten Getreidekörnern immer wieder neue Pflanzen werden.

Das gilt auch für unser eigenes Leben, das genausowenig verfügbar ist. Trotz Lebensversicherungen, Apotheken und Fitness-Studios.

Der alte Watt-Nu hat mal gesagt: "Alles Wichtige im Leben muss man sich schenken lassen." Das heißt dann auch: Alles was man kaufen oder klauen kann, ist nicht so wichtig. Ich weiß, dass die ganze Stadt vollgeklebt ist mit Plakaten, die das Gegenteil behaupten.

Das alles bezieht sich nur auf das Bild, das Jesus verwendet. Die Verkündigung hat noch gar nicht angefangen. Die Unverfügbarkeit des Lebendigen kann man auch ganz gut ohne Jesus erfahren.


Aber dieses Bild steht ja in einem Gleichnis, und damit kommt die zweite Ebene dazu:
Die Gleichnis-Ebene. Hier geht es um eine Aussage über das Reich Gottes.

Die Unverfügbarkeit der Lebenskraft des Getreidekorns wird mit dem Reich Gottes verglichen. Auch das Reich Gottes ist unverfügbar. Und auch hier gibt es viele, die das nicht aushalten können und versuchen, das Reich Gottes in den Griff zu bekommen. Beliebt sind: tugendhaftes Leben, viel beten, Sündenvergebung, wie auch immer geartete Opfer auf sich nehmen, oder sonstwie bei Gott punkten. Aber Jesus sagt uns in diesem Gleichnis: Alles nette Versuche, aber vergeblich, denn wir können den Himmel nicht verdienen.
Die kleinen Pflänzchen können wir an einen sonnigen Platz stellen, wir können sie gießen und bei Bedarf umtopfen. Aber wir können sie nicht machen, und wir können nicht machen, dass sie wachsen.
Wir können aber sehen, wie sie wachsen, und wir können uns darüber freuen.
Wir brauchen auch gar nicht machen, dass sie wachsen, denn sie wachsen von alleine.
Und so ist es auch mit dem Reich Gottes. Wir brauchen es nicht zu verdienen, denn wir haben es geschenkt bekommen. Und wir können uns darüber freuen, dass wir in dem Bereich Gottes leben dürfen.

So wie der Bauer im Gleichnis zwischen Saat und Ernte frei hat, so sind auch wir freigestellt. Wir brauchen nichts zu tun, um in den Himmel zu kommen. Weil wir den Himmel geschenkt bekommen, können wir tun was wir wollen, zum Beispiel Gutes.


Das reicht eigentlich schon für eine Predigt, aber ich habe ja noch eine dritte Ebene versprochen: wenn man so will: die Meta-Ebene: Das ganze Gleichnis ist ja Verkündigung des Wort Gottes.
Ging es auf der Gleichnis-Ebene darum, wie das Reich Gottes ist, so geht es jetzt darum, wie wir davon erfahren, was mit dem Reich Gottes los ist.
Das Gleichnis kann auch auf das eigene Geschehen bezogen werden. Also auf das Wort Gottes.
Auf dieser Ebene sagt das Gleichnis: auch das Wort Gottes ist unverfügbar.

Das Wort Gottes, die Zusage, dass wir von Gott bedingungslos und maßlos geliebt werden, hätte sich auch jemand ausdenken können. Aber das wäre nicht glaubwürdig.
Wir müssen uns von Gott schenken lassen, dass er uns seinen Sohn schickt, der uns das Wort Gottes erzählt.

Irgendwann kommt dieses Wort Gottes, diese Botschaft Jesu, bei uns an.
Nicht nur so als frommer Spruch.
Sondern so, dass wir diese Zusage der Liebe Gottes als Aufforderung begreifen.
Als Aufforderung uns ab jetzt darauf zu verlassen, dass wir in Gott geborgen sind.
Als Aufforderung, unsere Sicherheit, unsere Geborgenheit, unser Glück nicht mehr selber zu organisieren, sondern Gott zu überlassen. Wie das Wachsen der Pflanzen.

Dann müssen wir uns entscheiden, ob wir diese Aufforderung annehmen, ob wir auf diese Zusage vertrauen wollen.
Oder im Bild: ob wir die Samenkörner aufs Feld streuen oder lieber bunkern.

Was danach passiert, ist dann wieder Geschenk: Die ganze Welt verändert sich, wenn wir darauf vertrauen, dass wir im Reich Gottes leben.

Amen