© August 2004 bernhardwagner@müllmensch.de   in der Marta-Gemeinde in Berlin-Kreuzberg

08.08.2004: Predigt Mt 6,7-13

Die Lesung steht bei Johannes 16: (Joh 16, 23b - 24)

23b   Amen, Amen, ich sage euch:
Was ihr vom Vater erbitten werdet, das wird er euch geben, in meinem Namen.

  24   Bis jetzt habt ihr noch nichts in meinem Namen erbeten.
Bittet und ihr werdet empfangen, damit eure Freude vollkommen ist.

Das Evangelium ist zugleich der Predigttext und steht bei Matthäus 6: (Mt 6, 7 - 13)

7   Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen.
8   Macht es nicht wie sie;
denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet.

9   So sollt ihr beten:
        Unser Vater im Himmel,
        dein Name werde geheiligt,
10   dein Reich komme,
        dein Wille geschehe
        wie im Himmel, so auf der Erde.
11   Gib uns heute das Brot, das wir brauchen.
12   Und erlass uns unsere Schulden,
        wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen.
13   Und führe uns nicht in Versuchung,
        sondern rette uns vor dem Bösen.

Spätere Handschriften fügen dem Gebet des Herrn noch einen Lobpreis an:
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.


Liebe Gemeinde

In der Lesung, bei Johannes 16, haben wir gehört:

23b   Amen, Amen, ich sage euch:
Was ihr vom Vater erbitten werdet, das wird er euch geben, in meinem Namen.


Es ist nicht sehr schwer, Gott um irgend etwas zu bitten, und dann die Erfahrung zu machen, dass das so nicht funktioniert. Gott ist nicht der Geist aus Aladins Wunderlampe. Dieser Flaschengeist würde uns als Meister anreden, und sklavisch genau das tun, was wir ihm befohlen haben. Auch wenn wir einen Wunsch aussprechen, der uns mehr schadet als nutzt.

Bei Mattäus 6 sagt Jesus:

7   Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet.   8   Denn wer bittet, der erhält; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet.   9   Oder ist einer unter euch, der seinem Sohn einen Stein gibt, wenn er um Brot bittet,   10   oder der ihm eine Schlange gibt, wenn er um einen Fisch bittet?   11   Wenn nun schon ihr , die ihr böse seid, euren Kindern gebt, was gut ist, wieviel mehr wird euer Vater im Himmel denen, die ihn bitten, Gutes geben.

Gott gibt uns nicht, was wir wollen.
Gott gibt uns Gutes.
Gott gibt uns, was wir brauchen.

Im Evangelium, bei Mattäus 6, haben haben wir gehört:

8b   Euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet.

Gott handelt auch ohne Lampenreiben, und lange bevor wir den Mund aufgemacht haben. Und er handelt aus Liebe, aus einer alles erkennenden und alles verstehenden Liebe, die weiß, was wir brauchen.
Wenn wir ihn trotzdem um etwas bitten, im Bewusstsein, dass er uns in seiner Liebe geborgen hält, dann wird jedes Bittgebet zum Dankgebet. Von der Form her bleibt es ein Bittgebet, aber inhaltlich wird jedes Gebet zum Dankgebet.
Diese These, das jedes christliche Gebet insgeheim ein Dankgebet ist, möchte ich auf das Vater-Unser anwenden.
Das Vater-Unser folgt bei Mattäus unmittelbar darauf, und besteht, abgesehen von der Anrede, nur aus Bitten.

Wenn wir diese Bitten als Dank umformulieren, hört sich das so an:

Wir danken dir, dass dein Name geheiligt wird.
Wir danken dir, dass dein Reich gekommen ist.
Wir danken dir, dass dein Wille im Himmel und auf Erden geschiet.
Wir danken dir, dass du uns heute unser tägliches Brot gegeben hast.
Wir danken dir, dass du uns unsere Schuld vergeben hast, soweit wir unseren Schuldigern vergeben konnten.
Wir danken dir, dass du uns nicht in Versuchung führst.
Wir danken dir, dass du uns vor dem Bösen gerettet hast.

Ich möchte das Vater-Unser noch mal Bitte für Bitte durchgehen und mit der Zusage konfrontieren, dass uns jede dieser Bitten erfüllt worden ist.

Die Anrede, Vater unser im Himmel, hört sich in Jesus Muttersprache so an:

awuun dwaschmeiya - unser Pappi in den Himmeln

Gott dermaßen vertraulich anzureden, war sicherlich eine Provokation,
aber Jesus verkündet uns einen Gott, der uns ganz nahe ist, weil er uns maßlos liebt.

In der Apostelgeschichte 17 sagt Paulus:

28   Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir

Dieser Gott muss nicht unbedingt männlich gedacht werden, deswegen beten wir oft:
Vater, Mutter im Himmel


Geheiligt werde dein Name.

auf aramäisch:
nithkadasch schmach - Heilig sei dein Name.

Mir ist nicht ganz klar, was damit gemeint ist.
Ein Zugang wäre, wenn ich das in Verbindung mit der Anrede sehe:
Gott kommt mir in seiner Liebe ganz nahe, ich aber begegne ihm, dem Unbegreiflichen, mit Ehrfurcht.
Ein anderer Zugang wäre die Symbolik des Namens:
Namen sind nicht identisch mit dem, den sie bezeichnen. Namen weisen auf ihn hin.
Was weist auf Gott, ohne mit ihm identisch zu sein?
Naheliegenderweise seine Schöpfung, die Welt, unser Universum.
also: alles und jeder weist auf ihn hin, alles und jeder ist heilig.

Dieser Gedanke wird in der nächsten Bitte vertieft:


Dein Reich komme.

te'ethey malkuthach - Lass kommen dein Reich

Das Reich Gottes, der Bereich Gottes, da wo Gott ist, da wo Gott wirkt, das soll kommen.
anders ausgedrückt: wir danken dir, dass wir in deinem Reich sind, dass wir in deiner Liebe sind.

Bei Lukas 17 steht:
20   Als Jesus von den Pharisäern gefragt wurde, wann das Reich Gottes komme, antwortete er: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es an äußeren Zeichen erkennen könnte.   21   Man kann auch nicht sagen: Seht! Hier ist es! oder: Dort ist es! Denn: das Reich Gottes ist schon mitten unter euch.

Dieser Gedanke wird in der nächsten Bitte vertieft:


Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.

nehweh sewieyanach ekanna dwaschmeiya ap bar'ah - Lass sein dein Willen genau wie in [den] Himmeln auch auf [der] Erde.

Himmel und Erde meint: überall
also: wir danken dir, dass überall dein Wille geschiet.

Angesichts der Not und dem Elend auf dieser Erde, fällt es schwer alles als Wille eines liebenden Gottes zu begreifen. Eigentlich können wir dem Jesus nur vertrauen, dass es so ist. Das volle Begreifen kommt erst später.

In Johannes 16 versucht Jesus uns Mut zu machen:

20   Amen, Amen, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet trauern, aber eure Trauer wird sich in Freude verwandeln.   21   Wenn eine Frau gebären soll, ist sie traurig, weil ihre Stunde gekommen ist; aber wenn sie das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an ihre Not, vor Freude, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist.   22   So seid auch ihr jetzt traurig, aber ich werde euch wieder sehen; dann wird euer Herz sich freuen, und eure Freude wird euch niemand nehmen.   23   An jenem Tag werdet ihr mich nichts mehr fragen.

Dieser Gedanke wird in der nächsten Bitte vertieft:


Unser tägliches Brot gib uns heute.

hau-lähn lachma sunkanna yaumana - Gib uns Brot für unseren Bedarf von Tag zu Tag.

Wenn wir Brot als Begriff für Lebensmittel verstehen, als das, was wir zum Leben brauchen, dann können wir beten:
wir danken dir, dass du uns Tag für Tag alles gibst, was wir zum Leben brauchen.

In Mattäus 6 lesen wir:
31   Macht euch also keine Sorgen und fragt nicht: Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen?   32   Denn um all das geht es den Heiden. Euer Vater im Himmel weiß, dass ihr das alles braucht.   33   Euch soll es zuerst um sein Reich und seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben.

Dieser Gedanke wird in der nächsten Bitte vertieft:


Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

waschwok-lähn haubejn ekanna dap hannan schwakan le-hayawejn - Und vergib uns unsere Vergehen, so wie wir vergeben haben unseren Übeltätern.

Schuld belastet die Beziehung, erschwert oder verhindert die Nähe zum anderen.
Nichts kann verhindern, dass Gott mir nahe ist. Aber meine Schuld kann verhindern, dass ich mich auf seine Nähe einlassen kann. Auch wenn diese Bitte so klingt, Gottes Vergebung kann ich mir nicht erarbeiten. Seine Vergebung muss ich mir schenken lassen. Dazu bedarf es meiner Bereitschaft, mir vergeben zu lassen, meiner Bereitschaft, meine Schuld wie ein Eisblock von seiner Liebe schmelzen zu lassen. Dann aber schmelzen die Verletzungen der anderen auch.

Dieser Gedanke wird in der nächsten Bitte vertieft:


Und führe uns nicht in Versuchung

(w)la ta'lähn le-nisyona - Und [tue] nicht uns eintreten lassen in die Versuchung

also: wir danken dir, dass du uns nicht in Versuchung führst, dass du alles tust, um uns die Nähe zu dir zu ermöglichen.

Im 1. Kapitel des Jakobusbriefes steht:
13   Keiner, der versucht wird, soll sagen: Ich werde von Gott versucht. Denn Gott kann nicht dazu versucht werden, Böses zu tun, und er selbst versucht niemand.   14   Jeder wird von seiner eigenen Begierde versucht, die ihn lockt und fängt.

Dieser Gedanke wird in der nächsten Bitte vertieft:


sondern erlöse uns von dem Bösen.

ella pasan min-biescha - sondern befreie uns vom Bösen, vom Fehler, vom Irrtum

befreie uns von allem, was uns daran hindert, uns auf deine Liebe einzulassen.

Das Vater-Unser gipfelt also in dem Gebet:
Wir danken dir, dass du uns vom Bösen erlöst hast.
mit anderen Worten:
Wir danken dir, dass du uns von allem befreit hast, was uns daran hindert, uns auf deine Liebe einzulassen.

Amen