© Juli 2007
bernhard@müllmensch.de
Überlegungen zum Umgang mit nicht-lösbaren Problemen
Entstanden nach einer Tagung, in der triviale Lösungen für lösbare Probleme
didaktisch mächtig aufgeschäumt wurden.
Probleme
Es gibt Probleme, die man schnell erledigen kann. Manchmal auch nicht so schnell,
manchmal erst nach ein paar Pannen, manchmal mühsam, aber man kann sie lösen.
Mir geht es hier um die anderen Probleme. Die, die ich nicht lösen kann. Die
Kraft kosten, die mutlos machen, die peinlich sind, die sich in mein Leben
drängeln und mich viele Jahre begleiten, einschränken, krank machen.
Wenn ich merke, dass ich ein solches Problem habe, dann ist dieses Problem schon
ein alter Bekannter von mir. Ich habe schon viel probiert und geplant und
versucht und bin schon oft gescheitert.
Aber ich habe auch gelernt, was mir in einer solchen Situation nicht hilft:
- der Versuch, das Problem mit einer besonders großen Kraftanstrengung doch
noch zu lösen
- der Versuch, einen der vielen Ratschläge zu befolgen, wie man das Problem
erfolgreich lösen könnte
- der Versuch, so zu tun, als gäbe es das Problem nicht
- mir Vorwürfe machen
- Schuldige suchen
- der Versuch, den inneren Schweinehund zu besiegen (und alle anderen
moralischen Unterstützungen des Eltern-Ichs/Über-Ichs)
Was kann ich in einer solchen Situation machen?
Ich kann atmen,
gewahr werden, dass es mich gibt, dass ich lebe, dass es in meinem Körper auch
ganz viel Gesundes und Gut-Funktionierendes gibt, dass um mich herum mehr Luft
ist als ich brauche.
Ich kann sehen:
- Welche Facetten nehme ich bei meinem Problem wahr?
- Welche Facetten nehme ich bei mir wahr, wenn ich mit meinem Problem
konfrontiert bin?
- Welche Facetten nehme ich bei anderen wahr, wenn sie mit meinem Problem
konfrontiert sind.
- Welche Facetten nehme ich bei anderen wahr, wenn sie mit einem
vergleichbaren Problem konfrontiert sind?
- Welche Facetten nehme ich bei mir wahr, wenn ich mit einem vergleichbaren
Problem von anderen konfrontiert bin.
Ich kann spielen,
neugierig sein, experimentieren, ausprobieren, Erfahrungen sammeln.
Ich kann das Problem stapeln, umdrehen, schütteln, kullern lassen, auftippen
lassen, erhitzen, umfärben, einweichen, anknabbern, ...
Ich kann denken,
neue Betrachtungsweisen finden.
(Ein Betrunkener geht nach Hause, immer mit der rechten Hand an der Häuserfront.
Dann quer über den Platz und dort landet er bei einer Litfasssäule. Mit der
rechten Hand an der Litfasssäule geht er einmal um sie herum, zweimal, dreimal.
Und murmelt dann: "verdammt, eingemauert".)
Ich kann reden,
Kontakt mit den anderen suchen, die in einer vergleichbaren Situation sind,
Austausch, keine Vorwürfe, keine Bewertungen, keine Ratschläge.
Ich kann lachen:
Wenn einem die Scheiße bis zum Hals steht, sollte man nicht den Kopf hängen
lassen.
Ich kann schlafen:
- Augen zu, was sehe ich trotzdem?
- Welche Teile des Problems bleiben auch im Dunkeln bei mir?
- Was erzählen mir meine Probleme im Schlaf?
- Was träume ich?
- Gibt es Beziehungen zwischen meinen Träumen und meinen Problemen?
Ich kann vertrauen
- darauf, dass das Problem nur dazu da ist, dass ich daran wachsen kann.
- darauf, dass ich nicht das Problem lösen muss, sondern mich nur für das
Anliegen des Problems zu öffnen brauche.
- darauf, dass das Problem ein Geschenk ist, das sehr aufwändig verpackt ist.
Ich kann danken,
- wenn ich von dem Problem was gelernt habe
- wenn sich dann das Problem von selbst erledigt
- wenn es mir plötzlich Spaß macht, dem Problem zu helfen, sich selber
zu lösen
Ich kann feiern,
bis ein neues Problem eintrifft.
Aber auch zwischendurch, weil es auch mit Problem Spaß macht zu atmen, zu sehen,
zu spielen, zu denken, zu reden, zu lachen, zu hören, zu träumen, vertrauen zu
können und Dankbarkeit zu spüren.